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Katalog zur Ausstellung „BETON. RAUM. KUNST. (Auszug)



Luftblasen
Drei massive Steinblöcke aus Kalkstein, jeder mit etwa 2 Tonnen Gewicht, stehen auf einem Plateau einer landschaftlichen Erhebung in Umbrien. Es wurden von dem Bildhauer Tobias Rempp menschliche Figuren aus den massiven Blöcken herausgearbeitet. Dieser lebte und arbeitete in dem dahinter stehenden uralten Bauernhaus schon mehrere Jahre, ehe er in Nürnberg begann, Bildhauerei zu studieren. Dort lernten wir uns kennen und es ergab sich, dass ich seinen Ort auf dem Berg erleben durfte, an dem er insgesamt 15 Jahre seines Lebens verbrachte. Unser Arbeitsschwerpunkt war zu dieser Zeit die Darstellung der menschlichen Figur in der Tradition einer ca. 25000 Jahre dauernden Geschichte. Sein Ringen um die drei in den Steinen gesehenen und teilweise befreiten Figuren ist mir heute -fast 30 Jahre später- noch stark in Erinnerung. Verbindet sich doch diese Arbeit auf geradezu schlüssige Art und Weise mit der neuen Werkserie „Fermentation“. Fermentation ist die Zersetzung von biologischem Material mittels zum Beispiel Bakterien. Der Kontrast zwischen der harten, festen und sehr unorganischen Materialität des Betons und der sich auflösenden Struktur der ebenfalls in Beton dargestellten Gärungs-und Zersetzungsblasen in den neuen Arbeiten von Tobias Rempp ist auf mehrfache Weise besonders. Beton ist ein Werkstoff, dem durch ein zunehmendes Ressourcenbewusstsein eine gewisse Endlichkeit auf unserem Planeten vorhergesagt wurde. Sein gedankenloser Verbrauch sollte immer mehr der Vergangenheit angehören. Das strenge Geometrische der gegossenen Betoneinfachheit wird bei Tobias Rempp durch den Auflösungsprozess dieses Werkstoffes erlebbare Nachhaltigkeit. Die Form einer Skulptur dieser Werkreihe ist beschränkt beeinflussbar. Handgeformte Tonkugeln in einer geometrischen Schalung verkleinern den Raum für den flüssigen Beton. Der Bildhauer bestimmt die Größe der Tonkugeln, die Anzahl, die Dichte und die Schalungsgröße. Das Ergebnis bleibt eine Überraschung und drückt durch die akzeptierte Zufälligkeit eine geradezu spielerische Leichtigkeit aus. Die Skulptur ist, was sie geworden ist. Der Prozess der Umwandlung des Materials von einem flüssigen zu einem festen Zustand sucht sich seine Gestalt. Tobias Rempp akzeptiert und schätzt die neue Skulptur, als das, was sie wurde.Diese Art zu arbeiten, ist wunderbar befreit von dem anfangs beschriebenen Ringen um die Form im Stein. Der Wunsch, die Masse und das Volumen seiner Skulpturen aufzulösen passt sehr zu dem bildhauerischen Weg von Tobias Rempp- wie natürlich jede seiner Skulpturen. Hier bekommt die Leichtigkeit der Luft eine Form.
Christian Rösner, Nürnberg